Darf ich vorstellen? Die hübsche junge Dame auf dem Foto ist Jasmin. Und dieses Bild von ihr ist eines meiner Lieblingsportraits, das auch auf Facebook schon für viel positives Feedback sorgte. Aber leider ist es unscharf. Und nun?… 

Kommentare zum Portrait von Jasmin
Kommentare zum Portrait von Jasmin

Das sind fast alles Komplimente für Jasmin, nicht für mich. Im ersten Moment fühlt sich so etwas für den Fotografen vielleicht so an, als sei seine Arbeit völlig egal und als müsste man nur eine schöne Frau fotografieren, egal wie, um positives Feedback zu erhalten. 

Oder es hinterlässt sogar ein schlechtes Gefühl, dass die Komplimente dem Model gelten und nicht dem Fotografen.

Aber: 

Ist das nicht genau das Ziel guter Portrait-Fotografie? 

Sollte es nicht genau so sein, dass die Fotografie selbst in den Hintergrund tritt und die Person auf dem Bild optimal zur Geltung kommt? 

Noch etwas:

Neben all dem positiven Feedback zu dem Bild gab es ein paar wenige Kommentare, die bemängelten, der Kopf sei oben angeschnitten. Darauf wurde teilweise geantwortet, dass genau das dieses Bild so gut mache. Mir persönlich gefällt das übrigens auch sehr gut (sonst hätte ich es nicht so gemacht). Kopf beschneiden oder nicht – daran scheiden sich die Geister. Die einen lieben es, die anderen hassen es. Nun gut. Darüber schreibe ich vielleicht auch demnächst mal einen Blogartikel.

Aber was niemand bisher bemängelt hat: Das Bild ist unscharf!

Ich wurde in letzter Zeit zu mehreren Coachings gebucht zu dem Thema „Wie bekomme ich meine Bilder von Menschen oder Tieren schärfer?“. Klar, zu unscharf soll’s nicht werden, und in einigen Bereichen der Fotografie kommt es auf Schärfe auch wirklich an. Aber wenn es um Menschen geht, um Emotionen, Erinnerungen, Stimmungen… da ist „absolute“ Schärfe nicht wirklich notwendig. Jedenfalls meist keinem anderen außer dem Fotografen selbst. („Absolut“ steht in Anführungszeichen, denn absolute Schärfe gibt es in der Realität ja gar nicht. Aber das ist ein anderes Thema…)

Manchmal ist zu viel Schärfe sogar kontraproduktiv. 

Nehmen wie Information von einem Bild weg (und nichts anderes ist Unschärfe, technisch gesehen. Ähnlich wie die Abwesenheit von Farbe bei einem Schwarzweißfoto, ISO-Bildrauschen, oder wenn Vordergrundbokeh das Motiv etwas verdeckt oder wenn bei einer Aktaufnahme einige Körperteile im Schatten versinken…), dann regt das ganz automatisch die Phantasie des Betrachters an. Das Unterbewusstsein versucht, die fehlende Information zu ergänzen. Das Gehirn beschäftigt sich mit dem Bild und nimmt seinen Inhalt viel intensiver auf, als bei einem Bild, auf dem sofort alles superscharf zu erkennen ist. Das Bild kommt von der sachlichen Ebene herunter und wird emotionaler. 

Und ein ganz konkreter Nutzen von leichter Unschärfe: Hautunreinheiten verschwinden. Nicht umsonst sind Makroobjektive bei manchen Fotografen sehr beliebt für Portraitfotografie: z.B. das 100mm f/2.8 L IS USM von Canon, oder das entsprechende 95mm 2/2.8 Makro von Sony usw. Sie sind schärfemäßig optimiert für sehr nahe Motive. Ist ein Motiv weiter weg, wie das Gesicht einer portraitierten Person, ist das Objektiv auch bei präziser Fokussierung nicht so scharf wie in seinem Makrobereich. Das gibt einen weicheren Bildlook, bei dem eben auch nicht jede Hautpore zu sehen ist. 

Der Wert eines Bildes

oder: Denkt mal an die Schuhkartons mit Fotos von euren Eltern und Großeltern!

Welche Fotos bedeuten euch etwas? Die, die technisch einwandfrei sind? Oder die, die euch emotional ansprechen? Oder doch eher das Foto von der Oma, wie sie mit euch als Baby auf dem Schoß neben dem Weihnachtsbaum sitzt, das aber, weil es so dunkel war, verwackelt ist? Das Foto vom Vater, der sonst immer fotografiert hat, das aber der Onkel gemacht hat, und der wusste leider nicht, wie man richtig scharfstellt?

Ich bin selbst in den letzten Wochen Diasammlungen meiner Eltern durchgegangen und habe aussortiert. Ihr könnt euch sicher denken, welche Dias ich aufgehoben habe!

Fazit

Traut euch, mal nicht so auf die Schärfe zu gucken.

Habt Mut zur technischen Lücke, und fangt lieber den richtigen Moment ein! Für wertvolle Erinnerungen ist das viel wichtiger  🙂

Nichtsdestotrotz: Wer ein Coaching haben möchte, in dem ich ihm erkläre, wie man schärfere Bilder macht, dem gebe ich natürlich sehr gern Tipps dazu! 😉 Das hier sind einige meiner Fototrainings-Angebote:

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