Bei Portraits die Blende unbedingt möglichst weit öffnen? Es muss ein f/1.2-Objektiv sein, weil das so ein tolles Bokeh hat? Je unschärfer, desto besser? Ich räume mit ein paar Mythen auf:

Bokeh? Was ist das eigentlich?

Bokeh, das ist die Transkription des japanischen Wortes 暈け, auch als ぼけ oder ボケ geschrieben (nein, ich kann kein Wort Japanisch. Ich habe das einfach aus Wikipedia kopiert!), was soviel bedeutet wie „verschwommen“ bzw. „unscharf“.  Das Bokeh ist also etwas Unscharfes. Man meint damit einen unscharfen Hintergrund oder Vordergrund (!) auf einem Foto. „Bokeh“ bedeutet aber nicht „maximal unscharfer Hintergrund“.

Weil der Begriff „Bokeh“ meist nur im Bezug auf den Hintergrund verwendet wird, konzentriere ich mich in diesem Artikel auf die Aspekte des Hintergrundes.

Ein optimales Bokeh wird meist in der Portraitfotografie angestrebt. Siehe dazu auch MOF#010 – Schöne Portraits in jeder Umgebung.

Ein Portrait mit Vordergrund- und Hintergrundbokeh (Klick für Orginalformat)

 

Effekte des Bokehs

Wenn man den Hintergrund in seiner Schärfe variiert (und das Hauptmotiv immer maximal scharf ist), hat das folgende Effekte auf das Bild:

  1. Freistellung des Hauptmotivs: 
    Hat z.B. der Hintergrund einer Portraitaufnahme eine gewisse Struktur, kann diese Struktur die Blicke auf sich ziehen und so vom Hauptmotiv ablenken. Ist der Hintergrund unscharf, reduziert sich dieser Effekt. Im Extremfall ist der Hintergrund so unscharf, dass er nur noch als flächige Farbe(n) erscheint und keine Struktur mehr erkennbar ist, was zu maximaler Freistellung führt.
  2. Bildstimmung:
    Oft gibt ein unscharfer Hintergrund einem Bild eine romantische oder verträumte Stimmung.
  3. Kontext:
    Der Hintergrund ist der Kontext des Hauptmotivs und trägt zur Bildaussage bei. Zum Beispiel könnte man ein Portrait eines Tischlers in der Tischlerei anfertigen. Oft möchte man dann, dass die Tischlereiwerkzeuge noch als solche erkennbar sind, um den Tischler sofort als solchen erkennbar zu machen. Je unschärfer der Kontext ist, desto weniger trägt er meist zur Bildaussage bei.
  4. Tiefe:
    Ein unscharfer Hintergrund (und Vordergrund) verleiht dem Bild Tiefe, weil das menschliche Auge intuitiv erkennt, dass etwas Scharfes und etwas Unscharfes in unterschiedlicher Entfernung vom Auge liegen. Ein Bokeh verstärkt im zweidimensionalen Bild also den Eindruck der Dreidimensionalität.

Es gilt also, aus der Kombination dieser Kriterien das Optimum zu finden.

 

 

Diese Hammer eines Konzertflügels werden nach hinten immer unschärfer. So kann man einem Bild mit einem Schärfeverlauf Tiefe verleihen.

 

Wann ist das Bokeh also „schön“?

Hier scheiden sich die Geister. Die einen finden das Bokeh am schönsten, wenn es so unscharf wie möglich ist. Diese Sichtweise ist m.E. zu einfach und für mich nicht zutreffend. Die anderen, zu denen auch ich zähle, finden das Bokeh dann optimal, wenn das ganze Bild schön und aussagekräftig ist. Und das ist es dann, wenn o.g. Kriterien im Gleichgewicht sind. Ich habe z.B. schon Fotos gesehen, die einen extrem unscharfen Hintergrund hatten, der per se erst einmal recht schön und stimmungsvoll aussah. Da der Hintergrund aber dermaßen unscharf war, wurde das Hauptmotiv total aus seinem Kontext gerissen, was im besten Fall schade, im schlimmeren Fall störend ist, weil man nicht mehr erkennt, wo das Bild aufgenommen wurde, genau das aber fürs Bild wichtig gewesen wäre.

Nicht immer ist auch maximal romantische Bildstimmung sinnvoll. Bei Mitarbeiterportraits einer Firma zum Beispiel halte ich das Bokeh noch scharf genug, damit der Bildeindruck eher sachlich als emotional ist und man z.B. die Struktur des Firmengebäudes erkennen kann, die evtl. eine wichtige Aussage zum Firmenimage liefert. Will ich die Firma als klar strukturiert, solide und ehrlich zeigen, würde ein sehr unscharfer Hintergrund womöglich diese Aussage zunichte machen.

Auch der Tiefeneindruck kann gezielt für die Bildaussage genutzt werden. Insbesondere dann, wenn Elemente des Hinter- oder Vordergrunds in unterschiedlichen Abständen zur Kamera platziert sind, also auch unterschiedlich unscharf sind.

 

 

Bewertung der vier Kriterien fürs Bokeh: Die Freistellung der Person vom Hintergrund ist hier sehr deutlich. Die Bildstimmung ist eher kühl und sachlich, das Bokeh macht die Stimmung nicht künstlich romantisch, was hier fehl am Platze wäre. Kontext: Das Logo im Hintergrund ist unscharf, aber noch eindeutig zu erkennen. Tiefe: In diesem Bild gibt es nur zwei Ebenen: Vordergrund und Hintergrund, die deutlich voneinander getrennt sind (Freistellung).

 

Wie erreiche ich ein schönes Bokeh?

Was man steuern muss, um das Bokeh „schön“ zu bekommen, ist die Schärfentiefe des Bildes.

Ein Rezept könnte sein:

  1. Schärfentiefe minimieren, also das Zoom auf maximales Tele einstellen und die Blende maximal öffnen. Wenn du die Wahl hast zwischen verschiedenen Sensorgrößen, nimm die größte, die du hast (z.B. Vollformat statt APS-C oder APS-C statt Micro-Four-Thirds…)
  2. Das Hauptmotiv möglichst dicht an die Kamera heranbringen (Naheinstellgrenze des Fokus beachten!)
  3. Der Hintergrund sollte möglichst weit entfernt sein, also z.B. outdoor einen Hintergrund wählen, der weit entfernt liegt.
  4. Auf das Motiv fokussieren
  5. Wenn jetzt der Hintergrund zu unscharf ist (vgl. Punkt „Kontext“ weiter oben), kannst du Folgendes tun, um die Schärfentiefe des Bildes wieder zu verringern und damit den Hintergrund wieder etwas schärfer zu machen:
    • dich wieder etwas vom Hauptmotiv entfernen
    • die Blende etwas schließen
    • die Brennweite etwas verringern
    • einen kleineren Sensor verwenden

Achtung: Die Sensorgröße hat keinen direkten Einfluss aufs Bokeh oder die Schärfentiefe, sondern nur einen indirekten! Lässt du alles, wie es ist (also Abstände, Brennweite, Fokus, Blende), und tauschst nur die Vollformat-Kamera hinterm Objektiv gegen eine APS-C-Kamera aus, bleibt der Hintergrund exakt so unscharf wie er war. Du nimmst nur einen kleineren Bildausschnitt auf. Aber um dann dein Bild wieder so zu gestalten, wie es vorher war, also Bildausschnitt bzw. Größe des Motivs im Bild, musst du Brennweite und/oder Abstände und Fokuseinstellung ändern, so dass sich damit auch die Schärfentiefe, also auch die Unschärfe des Hintergrunds ändert. Es kursieren Mythen, dass die Schärfentiefe direkt von der Sensorgröße abhängig sei. Das stimmt jedoch nicht! Diese Abhängigkeit besteht nur indirekt.

Übrigens: Der „Portrait-Modus“ in aktuellen Smartphones, der das Bokeh nicht optisch, sondern per Software erzeugt, liefert zwar ein recht schönes Bokeh, meist auch in seiner Intensität steuerbar, hat aber Schwierigkeiten, die Ränder des Motivs exakt zu bestimmen. So sind z.B. Haare am Kopf einer portraitierten Person noch ein großes Problem für die Software. Für hochwertige Optik ist das also (noch lange) kein Ersatz.

 

 

Was ist hier das Hauptmotiv? Offensichtlich signalisieren die scharf abgebildeten Hände auf den ersten Blick Verbundenheit. Erst der zweite Blick wandert ins Unscharfe und lässt die Personen besser erkennen.

 

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Trockenübungen mit dem Simulator

Es gibt einen exzellenten Simulator im Internet, der es erlaubt, die Auswirkungen o.g. Parameter zu simulieren und das Ergebnis direkt anzusehen: https://dofsimulator.net/en/ (leider nicht auf deutsch verfügbar)

Welches Objektiv liefert das schönste Bokeh?

Es gibt unzählige Vergleichsvideos bei Youtube, die billige, teure und superteure Objektive hinsichtlich der Bildqualität und auch des Bokehs vergleichen. Die Unterschiede des Bokehs vergleichbarer Objektive liegen meist z.B. bei:

  • Rundheit von zu Scheiben verschwommenen Punkten:
    • bei billigeren Objektiven werden die Scheiben zum Rand hin abgeflacht und sind nur in der Mitte kreisrund
    • die Form der Scheiben wird durch die Form der Blende bestimmt. Bei ganz offener Blende sind die Scheiben kreisrund. Bei leicht geschlossener Blende hängt die Rundheit von der Anzahl und Form der Blendenlamellen ab. Oft wagt man: Je runder die Scheiben, desto schöner das Bokeh.
  • Grad der Unschärfe
  • Homogenität der zu Scheiben verschwommenen Punkte

 

 

Die unscharfen Scheiben der Lichter sind hier achteckig. Die Blende war also nicht ganz offen. Die Blende hat offenbar 8 gerade Lamellen. Dieses Bokeh ist nicht optimal. Schöner wäre es, wenn die Scheiben rund wären.

 

Es kam dasselbe Objektiv wie beim Bild oben zum Einsatz, daher deutet die Rundheit der Scheiben darauf hin, dass die Blende komplett geöffnet war. Zum Rand hin sind die Scheiben abgeflacht, ein ganz normaler optischer Fehler der meisten Objektive. Sehr teure Objektive versuchen, diesen Effekt zu minimieren.

Grundsätzlich rate ich dir, falls du auf schönes Bokeh, z.B. bei Portraitfotografie, wert legst, eher in Festbrennweiten zu investieren als in Zoom-Objektive. Denn Festbrennweiten liefern fast immer mehr Bokeh fürs Geld. Was zu einem guten Teil daran liegt, dass Festbrennweiten in vergleichbarer Preisklasse lichtstärker sind. So kostet das Canon 50mm f/1.8 nur ca. 100€ und hat mit f/1.8 eine sehr gute Lichtstärke und erlaubt mit der großen Offenblende auch eine geringe Schärfentiefe. An Vollformat sind 50mm nicht allzu gut geeignet für stimmungsvolle Portraits, aber an einem APS-C-Sensor ist das die ideale Portraitbrennweite. Ein Bekannter von mir, Denis Behrens (geb. Fischer), fotografiert zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels seine erstklassigen Portraits ausschließlich mit einer Sony α6000 mit APS-C-Sensor und dem Sony 50mm f/1.8.

Bei Canon gibt es außer dem

Je offenblendiger das Objektiv bei gleicher Brennweite ist, desto teurer ist es auch.

Für Vollformatkameras empfehle ich für wunderschöne Portraits mit tollem Bokeh eher eine Brennweite von 85mm. Um beim Beispiel Canon zu bleiben:

Tatsächlich ist es nach meiner Beobachtung meist so, dass ein Objektiv für 400€ ein schon ziemlich gutes Bokeh liefert, ein vergleichbares Objektiv für 1.000€ liefert ein sehr gutes Bokeh und das Produkt der Spitzenklasse für 2.500€ liefert ein extrem gutes Bokeh. Nun ist halt die Frage, wie viel wert einem das Bokeh ist. Ich würde mich wohl immer für die Mitte entscheiden, denn Bokeh ist mir zwar wichtig, aber Geld ist bei mir auch ein Faktor, der berücksichtigt werden muss. Der Sprung von sehr gut zu extrem gut ist mir den hohen Aufpreis nicht wert. Evtl. gibt es noch andere für dich entscheidende Qualitätsunterschiede, z.B. allgemeine Bildschärfe, Vignettierung, Geschwindigkeit des Autofokus, Chromatische Abberationen und dergleichen. Das solltest du natürlich alles mit berücksichtigen, wenn es dir wichtig ist.

Wenn du auf der Suche nach einem preiswerten und sehr guten Objektiv bist, halte nicht nur Ausschau nach den Objektiven deines Kameraherstellers. Die Firma Sigma, früher bekannt für eher mittelmäßige billige Objektive, fertig inzwischen sehr hochwertige Objektive für unterschiedliche Kamerasysteme mit meist besserem Preis-Leistungs-Verhältnis als die Objektive der Kamerahersteller. Tatsächlich lassen einige Kamerahersteller inzwischen ihre Objektive sogar von Sigma fertigen. Bitte achte bei der Suche nach dem geeigneten Objektiv immer auch darauf, ob das Objektiv für deine Sensorgröße geeignet ist. Ein Objektiv, das nur den Bildkreis von APS-C abdeckt, kann man nicht für einen Vollformatsensor verwenden. (Ausnahme: Manche Kameras schalten ihren Vollformat-Sensor in einen auflösungsreduzierten APS-C-Modus, wenn ein APS-C-Objektiv montiert wird).

Die ART-Serie von Sigma ist z.B. für sehr gute Bild- und Bokehqualität bekannt:

Bokeh, das den lebendigen Kontext eines Parks vermittelt. Wäre es unschärfer, würde der Kontext fehlen. Wäre der Hintergrund schärfer, würde er aber wieder zu sehr von der Person ablenken.

 

Sehr weiches, stimmungsvolles Bokeh. Die Sonnenblume links im Hintergrund diente hier ganz bewusst als Hintergrund für das grüne Hauptmotiv des Bildes (Freistellung durch Unschärfe und Farbkontrast). Die nicht ganz so unscharfen grünen Blätter verleihen dem Bild zusätzlich Tiefe, denn sie deuten mehrere Tiefenebenen an.

 

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